Man kennt das nur zu gut: Das Kleid passt nicht mehr so richtig, die Hose hat man schon ewig nicht mehr getragen – aber wegwerfen will man die einst geliebten Kleidungsstücke doch nicht. Was also macht man mit Klamotten, die man nicht mehr trägt und die den Kleiderschrank zustopfen? Anna, Johanna und Telse von RauschRock TauschWert kennen eine Lösung: Einfach auf einer Klamottentausch-Party gegen die einstigen Lieblinge von Anderen tauschen. Das spart nicht nur Geld und ist nachhaltig, sondern macht vor allem auch wahnsinnig viel Spaß. Im Interview erzählen die drei, wie Klamottentausch-Parties (oder auch Kleider Swap genannt) funktionieren und wie auch Ihr eine Tausch-Party auf die Beine stellen könnt.
Stellt Euch bitte kurz vor.
Wir sind drei RauschRock-Frauen, alle Anfang 30: Anna, Johanna, Telse. Kennen gelernt haben wir uns im Studium der Sozialen Arbeit und über Freundinnen. Anna arbeitet in einer Beratungsstelle gegen sexuelle Gewalt, Johanna koordiniert Seminare und begleitet Menschen beim Bundesfreiwilligendienst und Freiwilligen Sozialen Jahr und Telse ist Eventmanagerin. Zusammen sind wir ein schillerndes Team.
Wie seid Ihr auf die Idee gekommen, Klamottentausch-Parties zu organisieren?
Die Idee entstand im Studium. Das muss ungefähr 2006 gewesen sein. Johanna lud zum Klamottentausch nach Hause ein. Wir waren circa zehn Mädels, alle aus unserem Freundeskreis, die ihre alten Klamotten mitbrachten und mitten im Zimmer auf einen Haufen schmissen. Dazu gab es Musik, Sekt und ne Menge Gelächter. Es war eher eine Verkleidungsparty und am Ende sind wir sogar bunt und verkleidet auf der Reeperbahn Tanzen gegangen. Viele Tauschparties fanden in vielen verschiedenen Wohn- und Schlafzimmern statt. Nach jedem Mal sind alle total glücklich nach Hause gegangen. Es kamen aber immer nur Frauen zu Besuch, meist die üblichen Verdächtigen und bald war klar: Wir brauchen andere Kleidung, neue Leute – eine Öffnung der Tauschaktion. Johanna und Anna haben im Jahre 2009 den Plan geschmiedet, im Park Wäscheleinen zu spannen und alle einzuladen. Da ist auch der Name “RauschRock” entstanden. Leider ist auf das Hamburger Wetter kein Verlass, sodass wir uns bisher auf Räume beschränken mussten.
Wie funktionieren solche Kleider Swap-Events?
Wir kommen aus dem sozialen Bereich und sind bedacht auf eine Kultur der gleichen Augenhöhe. Wir wollen hauptsächlich das GLÜCK bewahren und dabei verschiedene Aspekte zum Inhalt unserer TauschWert-Parties machen: eine ökologische, nachhaltige Lebensweise, die nicht ausschließlich vom Geld bestimmt ist.
Konkret heißt das: Es sind alle eingeladen, ob Frau, Mann, Kind, Senior_in, Queer. Jeder bezahlt 1 € Eintritt, damit das RauschRock Team eine nächste Raummiete gewährleisten kann und jeder bringt Kleidung und Accessoires mit. Zur Orientierung haben wir Stationen mit Bezeichnungen wie “Hosen”, “Pullis”, aber auch “Fehlkäufe” oder “Herzstücke” aufgebaut. Während jemand seine und ihre Klamotten ablädt, kann er oder sie gleich wieder Neues einpacken. Die Kleidungsstücke fliegen durch die Luft (wie damals zu den Anfängen) und es wird gerufen: “Hey, wem gehörte das hier? Das ist super!”, oder “Das war schon mit in Asien und begleitet mich sehr lange. Schön, dass Du es jetzt bekommst!”
Die Klamotten braucht niemand wieder mitnehmen. Wir sammeln sie ein und spenden sie an soziale Projekte. Beim letzten Mal hat es eine Einrichtung bekommen, die mit jungen, sich prostituierenden und meist obdachlosen Frauen arbeitet. Die haben sich sehr gefreut.
Zu jedem Event möchten wir ein “Special” anbieten. Bisher war dies: Klamotten an der Nähmaschine umgestalten, Schmuck bauen, Bügelbilder auftragen und ein Fotoshooting. Unser Freund Claas legt Mukke auf und es gibt jedes Mal ein Catering an fairem Kaffee, Tee, sowie Kuchen und weiteren Snacks. Bei all dem sind wir angewiesen auf den Freundeskreis von RauschRock, die uns beim Auf- und Abbau helfen, einen Kuchen backen, ein Special anbieten o.ä. Denn unser Motto heißt: “Häng Dich ran!”
RauschRock TauschWert findet drei Mal im Jahr statt und hat den Anspruch jedes Mal den Ort (Stadtteil) zu wechseln, damit es für alle erreichbar ist.
Was war das verrückteste Kleidungsstück, das jemand mal auf eine Eurer Tausch-Parties mitgebracht hat?
Ein Frotteekleid, das weniger ein Kleidungsstück als mehr eine kleine tragbare Umkleidekabine war z.B. für den Strand :-)
Was steckt eigentlich hinter Eurem Namen „RauschRock TauschWert?“
Der Rock als DAS Kleidungsstück seit so vielen Jahrzehnten, Rock als Inbegriff für Musik, Bewegung und Zusammenspiel, der Rausch als Zustand in dem jeder sich gerne auch mal verliert. TauschWert ist später dazu gekommen. Einfach, weil wir konkreter benennen wollten, was mensch mit uns verbinden kann. In unseren Köpfen lauern noch viele weitere Aktionen, Ideen, die wir ausbauen wollen und dafür brauchten wir TauschWert. Jeder Tausch hat einen Wert, der unabhängig vom Zaster besteht. Im Tauschen und Teilen liegen für uns andere / alte bzw. neue Wege, sein Leben zu gestalten – und Konsum ja, aber bewusster.
Ich will in meiner Stadt auch eine Klamottentausch-Party anregen bzw. organisieren. Wie mache ich das? Was brauche ich dafür?
Zu Beginn: Lust und Freude
Auf jeden Fall: viele Freunde und Unterstützerinnen
Am besten: ein tolles Team
Wäre hilfreich: Medien-Skills und -einsatz
Zu guter Letzt: Ausdauer
Wann und wo findet Euer nächster Klamottentausch statt?
Am Sonntag, den 18. November 2012. Wir sind noch auf der Suche nach Räumen, da wir ein kleines Budget von 50 € Raummiete haben. Wenn jemand einen Raum in Hamburg weiß, kann er oder sie dieses Wissen gern mit uns tauschen! Danke. Unsere Kontakte lauten: http://www.tauschwert.blogspot
Häng Dich ran!
Herzlichen Dank an Anna, Johanna und Telse für das Interview.
Wir wollen es wissen: Was hälst du von Klamottentausch-Parties? Was kann man sonst noch mit Klamotten, die man nicht mehr trägt, anstellen?
SeiCreativ! (29.09.12 13:21 Uhr)
Hey! Ich finde diese Idee so toll! Ich nehme selbst regelmäßig teil in so einer Klamottentauschparty!
Umiwi not a fairy tale (02.10.12 13:07 Uhr)
Überall höre ich nur klamottentausch-Party. Scheint schwer im Kommen :)
joimo (02.10.12 15:28 Uhr)
wunderbar!
klingt zum eintauschen und mitrauschen.