Um selber Dinge zu stricken, sticken, herzustellen und kreativ zu werden, bedarf es einerseits Inspiration und Ideen und andererseits des nötigen Werkzeugs zur Fertigung. Was den Punkt Inspiration angeht, haben wir Euch im DIY-Monat bereits Today I Made und das Hartz 4-Möbelbuch vorgestellt, die Anregungen zum Selbermachen liefern. Um die daraus entstandenen Ideen nun endlich in die Tat umzusetzen, braucht man entsprechendes Werkzeug. Eine gute Möglichkeit, Werkzeug zu nutzen, ohne dieses selbst anschaffen zu müssen, bieten Offene Werkstätten – dazu gehören bspw. Nähsalons, Siebdruckwerkstätten, Fab Labs, Holzwerkstätten und noch mehr. Erfahrt mehr über die Idee hinter Offenen Werkstätten im Interview mit Tom Hansing vom Verbund Offener Werkstätten.
Stell Dich bitte kurz vor.
Ich bin Tom Hansing, Mitbegründer der offenen Siebdruckwerkstatt SDW-Neukölln in Berlin und arbeite für die Stiftungsgemeinschaft anstiftung & ertomis, die z.B. DIY-Kulturen und Subsistenzpraktiken im Alltag erforscht, fördert und vernetzt. Außerdem bin ich Mitglied im SprecherInnen-Team des Verbundes Offener Werkstätten.
Was genau ist der Verbund Offener Werkstätten?
Das ist ein Zusammenschluss unterschiedlicher Projekte, die Infrastruktur für Eigenarbeit und Freiraum zum Selbermachen für Handwerk, Kunst, Reparatur, Recycling und anderes bieten. Wie etwa zum Möbel bauen oder restaurieren, Kleidung nähen oder bedrucken, Kunstwerke aus verschiedenem Material herstellen, Hard- und Softwarehacking, Elektronikbasteleien und Prototypenfertigung, Papier schöpfen, malen, schmieden, schweißen, löten, kleben, drechseln, sägen, hobeln, gießen, töpfern oder Fahrräder reparieren…
In Offenen Werkstätten wird geteilt, was fürs Selbermachen nötig ist: Wissen und Materialien, Werkzeuge, Maschinen und Räume. Offene Werkstätten sind Orte der Möglichkeiten für Viele, nicht des Geschäfts für Wenige.
Wie viele offene Werkstätten gibt es derzeit in Deutschland und wie kann ich die Möglichkeiten der Werkstatt nutzen?
Es gibt weit über hundert Offene Werkstätten in Deutschland. In jeder größeren Stadt finden sich Projekte und Initiativen, die ihre Werkmöglichkeiten auch anderen zur Verfügung stellen, z.B. untergebracht in Soziokulturellen Zentren, Vereinsräumen oder als private Initiative organisiert. Circa 40 davon sind auf der Verbund-Plattform verzeichnet. Unter Werkstattsuche kannst Du genau aussuchen wo und welche Art von Werkstatt Du suchst. Die genauen Konditionen für die Nutzung erfährst Du dann über die Profilseite und im Kontakt mit der jeweiligen Werkstatt.
Was rätst Du Menschen, die auch in ihrer Stadt eine offene Werkstatt einrichten wollen?
Eine neue Offene Werkstatt aus dem Boden zu stampfen, kostet Mühe und erfordert Ausdauer. Wichtig ist dabei nicht als Einzelkämpfer aufzutreten, sondern als Gruppe zu agieren: Nicht nur DIY, sondern DIWO (Do it with Others). Strukturen, die den Austausch der aktiven Mitstreiter on- und offline ermöglichen (z.B. über einen „Jour Fixe“ + eine Mailingliste) und neuen Interessierten unkompliziert den Zugang erleichtern, sollten gleich zu Anfang geschaffen werden. Bisher Erreichtes, sowie „Baustellen“, Fragen und Aufgaben lohnt es zu dokumentieren (Blog, Website,…), damit Öffentlichkeit für das Projekt aufgebaut werden kann. Dies sind nur zwei Punkte eines ganzen Kanons an Tipps und Ratschlägen.
Letztlich gibt es kein Patentrezept für den Aufbau von Offenen Werkstätten. Lokale Bedingungen, Gruppendynamik, jeweilige Interessenlagen und auch der finanzielle Spielraum, Kreativität und Mut zur Improvisation sind alles Stellschrauben, die derartige Projekte beeinflussen. Es lohnt vielfach an bestehende Strukturen anzudocken. Einige Praxistipps haben wir auf unserer Homepage veröffentlicht und bieten persönliche Beratung und Unterstützung für konkrete Initiativen an.
Warum sollte man Deiner Meinung nach Dinge selber machen?
Die Glücks-Erfahrung etwas ganz Eigenes zu schaffen, lässt sich als Konsument kaum machen. Wer selber Hand anlegt und lernt wie etwas geht, erlebt menschliche Schaffenskraft an und in sich. Das alleine lohnt sich schon, denn: Selbermachen schafft Lebensqualität!
Was denkst Du, wie sich die Handmade Bewegung entwickeln wird?
Politik, Wirtschaft, Gesellschaft … alles wird von Menschen gemacht und die Einzelnen werden sich ihrer Kraft zur Veränderung immer bewusster, vernetzen und organisieren sich, anstatt auf „die da oben“ zu warten. Auf verschiedensten Ebenen werden alternative Konzepte erprobt und mit der Weltrettung dann einfach schon mal begonnen ;-) und zwar in einem realistischen „small-scale“-Format. Die Handmade-Bewegung ist ein Teil dieses Umbruchs.
Du bist auch Mitbegründer der offenen Siebdruckwerkstatt SDW-NEUKÖLLN. Wie bist Du zum Siebdruck gekommen und was fasziniert Dich daran?
Mit Freunden habe ich 2006 das Projekt RÜTLI-WEAR gegründet und im Zuge dessen auch die Siebdruckwerkstatt. In handwerklicher Hinsicht sind wir zu 100% Autodidakten. Und das ist auch das Phantastische an der Siebdrucktechnik. Sie ist einfach zu erlernen, zumindest für den „Hausgebrauch“. Auf der anderen Seite ist Siebdruck ein hochkomplexes und skalierbares Verfahren. In unseren Werkstätten werden mittlerweile neben T-Shirts, Plakaten, Stickern, Holz- und Glasplatten und dergleichen mehr z.B. auch ganze Stoffbahnen bedruckt, bevor daraus tolle Sachen gefertigt werden. Man kann das bei uns alles selbst machen, aber wir geben auch Kurse und nehmen auch Aufträge an. Eine tolle Möglichkeit für Leute, die Eigenkreationen auf DaWanda verkaufen wollen. Offene Werkstätten eigenen sich hervorragend um ohne großen finanziellen Aufwand eigene Produkte herzustellen.
Bitte vervollständige diesen Satz: Wenn ich könnte, würde ich den ganzen Tag…
…mit meiner drei Monate alten Tochter spielen.
Herzlichen Dank an Tom für das Interview.
Wenn Tom Euch mit seiner Begeisterung für den Siebdruck angesteckt hat, dann empfehlen wir Euch folgende DIY-Anleitung: Die Siebdruckwerkstatt SDW-Neukölln zeigt Euch, wie Ihr Euch Euer eigenes mobiles Siebdruckgerät bauen könnt.
Was Ihr dafür braucht:
- Materialliste (PDF)
Bohrlochschablonen auf Din/A 4 Papier ausdrucken (ohne Skalierung/Anpassung)
- Bohrlochschablone 1 (PDF)
- Bohrlochschablone 2 (PDF)
Und so geht’s:
Im Video erklärt Euch Mathias von SDW-NeuköllnSchritt für Schritt, wie der Bau des mobilen Siebdruckgeräts funktioniert. Mit dem Basic-Gerät können Papier, Pappe (z.B. Kalender, Geschenkpapier, Postkarten,…) und Schlauchtextilien (z.B. T-Shirts, Taschen) und vieles andere mehr bedruckt werden.
Wenn Ihr Euer Siebdruckgerät fertig gebaut habt, findet Ihr hier auf den Seiten des Verbunds Offener Werkstätten mehr Informationen und eine Anleitung, wie Siebdrucken funktioniert.
Teresa Hammerl (24.09.12 12:12 Uhr)
Das klingt sehr spannend, besonders auch die DIY-Anleitung!
Umiwi not a fairy tale (26.09.12 11:15 Uhr)
Schön, dass es sowas gibt! Es lebe die Kreativität :)