Grüner Donnerstag: Ist Seide eigentlich bio?

Viele Textilhersteller nutzen mittlerweile zertifizierte Bio-Baumwolle für Ihre Kollektionen. Eines der weniger beachteten Materialien im Biobereich ist Seide. Edel, fein und glänzend, diese Assoziationen werden bei den meisten Menschen hervorgerufen, wenn es um Seide geht. Aber wie edel, fein und glänzend sieht es eigentlich hinter der Fassade aus, nämlich dort wo die Seide hergestellt und weiterverarbeitet wird? Und ist Seide eigentlich “bio”, nachhaltig, fair und gesund?Die Antwort ist, Seide kann dies sein, muss aber nicht. Der Konsument ist gefragt und muss beim Einkauf die richtigen Fragen stellen.

Enrico von Lebenskleidung kennt sich mit dem Thema Seide bestens aus und berichtet Euch in den folgenden Zeilen in Wort und Bild von der Seidenherstellung in Indien.

 

Bevor man sich dem Thema nähert, muss man grundsätzlich wissen, wie Seide hergestellt wird. Seide wird, wie Wolle, von lebenden Tieren gewonnen und kann grundsätzlich sehr einfach auf biologische Weise hergestellt werden. Tonnen von Seide auf den Weltmärkten werden sogar bereits auf ökologische Weise produziert ohne dass wir dies bewusst wahrnehmen, denn sie kommt oft aus kleinen Dörfern aus z.B. Indien oder China und von kleinen natürlichen Seidenfarmen.

Um Seide herzustellen bedarf es zuerst einmal den „Seidenschafen“, den Seidenwürmern. Je nach Art des Seidenwurms gibt es verschiedene Arten von Seide. Der bekannteste und am meisten verbreitetste Seidenwurm ist der Maulbeerseidenspinner (Bombyx mori). Wie der Name schon sagt, ernährt sich dieser Seidenwurm vornehmlich von den Blättern des Maulbeerbaums. Die Seide wird vom Kokon den der Seidenspinner baut abgehaspelt. Bei der konventionellen Herstellung wird dazu der Kokon inklusive dem verpuppten Wurm gekocht und der Faden wird anschließend abgehaspelt.

Der wichtigste ökologische Aspekt zum Zeitpunkt der Seidenfadenproduktion ist die Qualität der Blätter, welche der Raupe als Futter dienen. Stimmt diese mit ökologischen Kriterien überein wird die Seide als kbT-Seide (aus kontrolliert biologischer Tierhaltung) gehandelt. Bei Wildseide und Seide aus kleinen Produktionseinheiten kommen so gut wie keine Pestizide oder Chemikalien zum „Schutz“ der Blätter zum Einsatz. Großunternehmen, die in riesigem Stil Seide herstellen, setzten jedoch auf Monokulturen und den großzügigen Einsatz von Chemie. Dies schadet und belastet nicht nur die Umwelt, sondern wirkt sich auch auf die Qualität der Seide aus. Die Kokons können dünnwändig, fleckig und gelblich statt perlweiss werden. Da die Seidenraupe das Futter direkt in den Seidenfaden umwandelt, werden Schadstoffe auch direkt in den Seidenfaden abgegeben. Ist die Belastung sehr hoch, können die Raupen selbst eingehen oder sich Fehlentwickeln. Als Faustregel gilt: Je kleiner der Seidenhersteller, desto größer die Chance, dass keine Chemie eingesetzt wird. In Indien arbeiten hunderttausende von Kleinstbauern in der Seidenproduktion und der manuellen Seidenwebung.

Einen weiteren wichtigen Umweltaspekt betrifft die Veredlung der Seide. Wie bei der Bio-Baumwolle, sollte der Verbraucher genau hinsehen, welche Chemikalien zum Einsatz kommen.

Wir von Lebenskleidung haben uns auf die Reise zu einem ökologischen Vorzeigeprojekt in puncto Seide in den Nordosten Indiens aufgemacht und sind dem Prozess der ökologischen ersten GOTS (Global Organic Textile Standard)-zertifizierten Seide Indiens auf die Spur gekommen.

In einem der ehemals ärmsten Bundesstaaten Indiens widmet sich eine bundesstaatliche Seidenkooperative der Neubelebung der jahrhundertealten lokalen Tradition der Seidenherstellung. Und das auf ökologisch zertifizierte und faire Weise.

Mehr Infos zu dem Seidenprojekt aus Indien folgt dann in einem 2. Teil im Mai!

Wir hoffen, Euch gefällt unsere Rubrik und freuen uns zusammen mit den Lebenskleidungs-Jungs über spannende Diskussionen und zahlreiches Feedback von Euch! Was sind Eure Erfahrungen  mit Bio-Seide?


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Beitrag von Anna

geschrieben am 05.04.2012 um 15:55 Uhr.

Über Anna

Anna ist Social-Media-Expertin, DIY-Fräulein und absolut Hundeverrückt. » Mehr von Anna

8 Kommentare

  1. Malte (05.04.12 23:48 Uhr)

    Leider ist die Herstellung für die lebendig gekochten Raupen alles andere als fair.

    Es stimmt mich traurig, dass die Ausbeutung anderer fühlender Lebewesen immernoch als so normal betrachtet wird.
    Und das, obwohl es “Ersatz” für solche “Produkte” gibt, welcher auf allen Ebenen ethisch korrekt ist, wie z.B. Bambus – oder Bananenseide.

    Ich hoffe, dass solche guten und ethisch denkenden, jungen Firmen wie Lebenskleidung in Zukunft vielleicht wirklich einheitlich und zu 100% fair handeln.

    Beste Grüße,
    Malte

  2. Matias (06.04.12 11:40 Uhr)

    Lieber Malte,

    ich kann dir die frohe Botschaft bringen, dass es auch Seide gibt, die hergestellt wird, ohne dass die Seidenraupen abgetötet werden. Diese Seidenstoffe werden in Indien hergestellt und haben die Bezeichnung Ahimsa-Seide. Ahimsa heißt Gewaltlosigkeit, deshalb auch der englisch-sprachige Begriff “non-violent silk”. Ein indischer Ingenieur, Kusuma Rajaiah, hat sich inspiriert durch die Philosophie Gandhis jahrelang damit beschäftigt, um aus Maulbeerseide gewaltfreie Garne und Stoffe herzustellen.

    Unter diesem Link :http://www.bio-seide.de/contents/de/d62_ahimsa_seide_seidenstoffe_bio_oeko_non_violent_silk.html findest du weitere Informationen zum Thema Ahimsa-Seide.

    Gesegnete Ostern

    Matias

  3. Matias (06.04.12 11:49 Uhr)

    Nachtrag zu meinem Kommentar:

    Der Begriff “BIO” ist im Textil-Bereich nicht definiert – wie etwa bei den Lebensmitteln.

    Wir bezeichen als “Bio-Seide” nur Seide, bei der mindestens die Rohseide das GOTS-Siegel trägt, das heißt GOTS zertifiziert ist. Teilweise wird die gesamte nachfolgende Verarbeitung ebenfalls von GOTS-zertifizierten Betrieben ausgeführt – dann ist auch das Endprodukt mit dem GOTS-Label gekennzeichnet. Sind nicht alle Verarbeitungsschritte zertifiziert, dann trägt die Seide bei uns die Bezeichnung “Bio-Seide” ohne den Zusatz GOTS.

    Hilfreich hierzu auch die Website: http://www.bioseide.de

    Liebe Grüße

    Matias von Seidentraum

  4. Malte (06.04.12 19:26 Uhr)

    Lieber Matias,

    vielen Dank für Deine ausführliche Antwort.
    Von der Ahimsa-Seide hatte ich auch bereits gelesen. Nun, für mich ist auch das keine Altenative, ehrlich gesagt.
    Wie auch bei der FA. Lebenskleidung zu lesen ist, KÖNNEN die Raupen schlüpfen. Müssen aber scheinbar nicht. Und ich denke ehrlich gesagt auch nicht, dass dies überprüft wird. Wie in allen Geschäftsbranchen, geht es bestimmt auch bei der Arbeit mit GOTS-Ahimsa-Seide, gerade in armen Ländern um Schnelligkeit. Es würde mich natürlich freuen, wenn ich da falsch liege.

    Nunja, es ist ein weitläufiges Thema, wobei es für mich außer Frage steht, wie diese Seide nun produziert wird, da ich seit Jahren gesund und glücklich vegan lebe.

    Faktum für mich ist jedoch, dass die ganzen Erzeugnisse aus oder von Tieren niemals artgerecht und fair hergestellt werden können.
    Wir Menschen brauchen dies nicht und es ist gesünder für Menschen, Tiere und Umwelt auf ebensolche zu “verzichten”.

    Beste Grüße,
    Malte

  5. Kathy (08.04.12 19:37 Uhr)

    Schön, dass der grausame Tod des Seidenspinners in einem kurzen Nebensatz erwähnt wurde….

    Ohne Worte was man den Menschen in Deutschland alles als BIO verkaufen kann

    Bio-Seide ist wie Bio-Pelze

  6. Elisabetta (09.04.12 19:18 Uhr)

    Ich finde es gut, dass hier im Blog im Rahmen des Grünen Donnerstags versucht wird, Menschen darüber aufzuklären, wie Stoffe/Textilien produziert werden und welche Konsequenzen das für Mensch und Umwelt hat. Aber, wenn wir über Seide reden, gibt es schlichtweg keine Möglichkeit, das offensichtliche Problem zu vermeiden: Dass ein Lebewesen dafür getötet wird.

    Dass das im Artikel bestenfalls angeschnitten wird, finde ich – wie auch die anderen Kommentator/innen – befremdlich, egal wie biologisch und fair die anderen Bedingungen sind und wie schön darauf geachtet wird, Monokulturen zu vermeiden. Es würde Beiträgen, die sich mit Nachhaltigkeit beschäftigen, gut tun, wenn sie auch wirklich ganzheitlich und ehrlich an ein Thema herangehen.

  7. Ben (10.04.12 10:51 Uhr)

    Liebe Kommentatoren,

    ich habe dieses Projekt wie viele andere in Indien besucht und mir jeden Schritt genau angeschaut.

    Ich finde es schon befremdlich, wenn hier diskutiert würde, als handle es sich bei den Seidenraupen um Massentierhaltung und ein ganz und gar unfaires und Fake-Projekt.

    Die Seidenspinner wachsen in freier Widlbahn auf, in ihrem natürlichen Habitat. Wenn sie als Raupe nicht von Schlangen, Ratten oder Vögeln gefressen werden, bauen Sie ihren Kokon. Dieser Kokon wird gepflückt und mit vielen anderen Kokons in einem dunklen Raum aufgehängt, wo die Seidenspinner schlüpfen. Dies ist nötig, denn der dunkle Raum nennt sich Kokonbank. Männchen und Weibchen paaren sich und die Eier werden wiederum auf die Bäume im Dschungel gebracht und das Spiel geht von vorn los. Nach der Paarung leben die Seidenspinner noch einen Tag. Natürlich.

    Bei der großen Anzahl von gesammelten Kokons gibt es viele, bei denen die Raupen nicht Schlüpfen. Alle Kokons werden am Schluss gekocht, denn sonst kann man die Seide nicht ablösen. Entweder Schappeseide oder Haspelseide, je nachdem ob der Kokon gebrochen ist oder nicht.

    Zum fairen Aspekt: Das von mir besuchte Seidenprojekt gibt 200.000!!! Menschen der untersten indischen Kasten ein Auskommen. Und zwar in einem Handwerk, dass schon vor 2000 Jahren ausgeübt wurde. Wildseide war in Indien schon immer kostbar. Die Menschen haben zum ersten Mal im Leben ein stabiles Einkommen und zwar in einer Region, in der ansonsten die Schwerindustrie den Ton angibt. Nun blüht das Handwevertum wieder auf, können Frauen in Community Centern einer Tätigkeit nachgehen.

    Zum ökologischen Aspekt: Das Projekt nutzt keinerlei Pestizide oder chemische Stoffe für den Anbau der Pflanzen. Alle Kokons entstehen in der Natur, d.h. im Dschungel. Für die Färbung der Seide aus diesem Projekt kommen einzig GOTS-zertifizierte Farben zum Einsatz.

    Wer aus ethischen Gründen gegen Seide ist: jedem seine Meinung. Wer aufgrund der Tatsache, dass es sich um ein Lebewesen handelt jeden fairen Aspekt abspricht, auch seine Meinung.

    Wer jedoch so tut, als gebe es keine faire oder ökologisch hergestellte Seide, der hat leider keine Ahnung.

  8. Grüner Donnerstag: Ist Seide eigentlich Bio? – Teil 2 (10.05.12 18:04 Uhr)

    […] der Faden eines Seidenraupenkokons bis zu 1,5 Kilometer lang sein sein kann? Im letzten Beitrag “Ist Seide eigentlich Bio?” im Rahmen unseres Grünen Donnerstags hat Euch Enrico von Lebenskleidung bereits von der […]

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